Halle & der GlaubeInstitution1552
Marienbibliothek
die älteste bis heute durchgehend öffentlich zugängliche evangelische Kirchenbibliothek Deutschlands ihrer Art
Eine Kirche richtete eine Bibliothek ein und öffnete sie noch dazu der ganzen Stadt. 1552 begann Boetius (Sebastian Boetius, 1515–1573), Oberpfarrer der Marktkirche, mit Spenden auf der Leipziger Buchmesse Bücher zu kaufen; über vierhundert Jahre später empfängt die Marienbibliothek noch immer Leser.
Aus Spenden erwachsen
In jungen Jahren saß Boetius in Wittenberg zu Füßen Luthers und Melanchthons, später trat er die Nachfolge des Jonas an, wurde Oberpfarrer der Marktkirche und ab 1554 Superintendent von Halle. Mit Spenden kaufte er auf der Leipziger Buchmesse Bücher und trug so, Band um Band, den Bestand zusammen. Gängig wird die Gründung auf 1552 datiert; die Kirchenakten verzeichnen die förmliche Errichtung 1560.
Die Studierstube der ganzen Stadt
Das 1116 gegründete Kloster Neuwerk war im mittelalterlichen Halle ein geistliches Zentrum und zugleich die erste Einrichtung der Stadt mit dem Recht zu lehren; 1530 wurde es aufgehoben und abgetragen. Gut zwanzig Jahre später kamen die Bücher auf andere Weise in die Stadt zurück – nicht mehr im Kloster verwahrt, sondern in einer der Öffentlichkeit geöffneten Studierstube aufgestellt. Bis zur Gründung der Universitätsbibliothek 1696 war dies die einzige öffentliche wissenschaftliche Büchersammlung der Stadt; sie ist bis heute durchgehend geöffnet und damit die älteste bis heute durchgehend öffentlich zugängliche evangelische Kirchenbibliothek Deutschlands ihrer Art.
Das Prunkstück
Heute zählt der Bestand über 30.000 Bände, darunter mehrere hundert Inkunabeln – die frühesten Drucke aus der Anfangszeit des Buchdrucks; dazu eine Erstausgabe der Lutherbibel von 1534, Luthers deutsche Bibel in ihrer allerersten Ausgabe.
Eine Kirche gab bereitwillig Geld für eine Studierstube aus, denn das Wort will gelesen werden. Heute lesen wir in derselben Stadt auf Chinesisch dieselbe Bibel.
Quellen