Halle und der Glaube
Stadt des Buches und der Mission
„Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen.“
– Offenbarung 3,8
Halle ist nicht nur Salzstadt und Geburtsort Händels. Die erste organisierte protestantische Überseemission, die älteste Bibelgesellschaft der Welt, die erste protestantische Missionszeitschrift, der weltweit erste Lehrstuhl für Missionswissenschaft – lauter Premieren, und alle aus dieser Stadt an der Saale. Luther predigte hier, Francke gründete hier im Vertrauen auf das Gebet ein Waisenhaus, Müller wurde hier wiedergeboren; Buch und Evangelium gelangten von Halle nach Indien und Nordamerika, und die Ahnenreihe des Glaubens fand auf Umwegen ihren Weg bis nach China. Neun Jahrhunderte entrollen sich hier wie eine lange Bildrolle – und unsere Gemeinschaft steht in ihrer Verlängerung.
Neun Jahrhunderte auf einer Rolle
- 1116
Das Kloster Neuwerk entsteht
Der Magdeburger Erzbischof gründete das Kloster Neuwerk, in dem Augustiner-Chorherren beteten und lehrten – das geistliche Zentrum des mittelalterlichen Halle. Das Kloster wurde früh aufgehoben; Grabungen der jüngeren Zeit haben seine Mauern und über hundert mittelalterliche Gräber wieder ans Licht gebracht.
- 1517
Ablass und Reliquienschatz
Kardinal Albrecht residierte auf der Moritzburg und trug über achttausend Reliquien zusammen, mit Tetzel als oberstem Ablasskommissar; seine Ablass-Instruktion gelangte damals in Luthers Hände – die Lunte für die 95 Thesen wurde in Halle gelegt.

gemeinfrei - 1541
Evangelische Predigt am Karfreitag
Justus Jonas kam im Auftrag aus Wittenberg und hielt am Karfreitag in der Marktkirche die erste evangelische Predigt; im selben Jahr zog sich Albrecht mit Reliquien und Gemäldesammlung nach Aschaffenburg zurück und verließ die Stadt für immer.

gemeinfrei - 1546
Luthers letzte Spuren
Auf dem Weg nach Eisleben versperrte die vom Eisgang angeschwollene Saale Luther den Weg; er strandete in Halle, wohnte bei seinem engen Freund Jonas und predigte dort. Wenige Wochen später starb er, und auf der Überführung zu seiner Grablege wurde sein Sarg noch eine Nacht in der Marktkirche aufgebahrt.

gemeinfrei - 1552
Die Marienbibliothek
Der erste evangelische Pfarrer der Marktkirche begann, mit Spendengeldern auf der Leipziger Buchmesse Bücher zu kaufen, und baute so die älteste durchgängig öffentlich zugängliche evangelische Kirchenbibliothek ihrer Art in Deutschland auf; in ihren Regalen steht bis heute eine Erstausgabe der Lutherbibel von 1534.

gemeinfrei - 1554
Die Marktkirche wird vollendet
Die große Kirche, die Albrecht errichten ließ, um die Reformation aufzuhalten, war erst zur Hälfte gebaut, als Halle das Bekenntnis wechselte; bei ihrer Vollendung war sie bereits eine evangelische Kirche. Zusammen mit dem Roten Turm trägt Halle seither den Namen „Stadt der fünf Türme“.

Tdn70 · CC BY 4.0 - 1624
Scheidts „Tabulatura nova“
Der in Halle geborene und gestorbene Samuel Scheidt gab die „Tabulatura nova“ heraus und setzte damit einen Meilenstein in der Geschichte der Orgelmusik; was die eigene Kirchenmusik der Stadt angeht, kam er ein Jahrhundert vor Händel.

gemeinfrei - 1685
Händel wird getauft
Händel wurde in Halle geboren und am folgenden Tag in der Marktkirche getauft; er lernte bei Zachow das Orgelspiel und wurde mit siebzehn Organist am Dom. Das „Halleluja“ aus dem „Messias“ trug den Namen dieser Stadt später in die ganze Welt.

gemeinfrei - 1694
Die Universität Halle wird gegründet
Der Kurfürst gründete die Universität Halle; ihre Theologische Fakultät stand von Anfang an unter pietistischer Leitung und wurde bald zur größten theologischen Fakultät im damaligen Deutschland. Rund sechstausend kirchliche Mitarbeiter wurden hier ausgebildet, mindestens sechzig Studenten gingen von hier in die Übersee-Mission.

Heinrich Stürzl · CC BY-SA 4.0 - 1695
Vier Taler, sechzehn Groschen
August Hermann Francke fand im Opferstock seiner Gemeinde vier Taler und sechzehn Groschen und gründete damit eine Armenschule; er hatte kein Geld, aber die feste Gewissheit, dass Gott Gebete erhört – diese kleine Gabe wurde zum ersten Stein einer ganzen Schulstadt.

gemeinfrei - 1698
Grundsteinlegung des Waisenhauses
Der Grundstein für das große Waisenhaus wurde gelegt; auf dem Giebel erhoben sich zwei Adler mit ausgebreiteten Schwingen der Sonne entgegen, auf einem Schriftband die Verheißung aus dem Buch Jesaja: „Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft.“ Als Francke starb, zählte diese Schulstadt bereits rund dreitausend Menschen.

Timo Pilgram · CC BY-SA 3.0 DE - 1704
Das „Geist-reiche Gesangbuch“
Freylinghausen stellte in Halle das „Geist-reiche Gesangbuch“ zusammen, mit 683 Liedern und 173 Melodien das bedeutendste Gesangbuch des Pietismus; von nun an hatte diese fromme Bewegung ihre eigenen Lieder.

gemeinfrei - 1706
Die erste Mission bricht auf
Der dänische König Friedrich IV. rief eine Mission ins Leben, doch aus dem eigenen Land meldete sich niemand; die Kandidaten kamen aus Franckes Kreis. Bartholomäus Ziegenbalg erreichte das indische Tranquebar – damit kam die erste organisierte protestantische Überseemission der Geschichte zustande.

gemeinfrei - 1710
Bibelanstalt und Missionszeitschrift
Canstein gründete zusammen mit Francke die älteste Bibelgesellschaft der Welt; der stehende Satz, der nie wieder abgelegt wurde, machte Bibeln für die Armen erschwinglich. Im selben Jahr erschienen erstmals die „Halleschen Berichte“, die erste protestantische Missionszeitschrift der Geschichte.
- 1715
Das tamilische Neue Testament erscheint
Ziegenbalgs Übersetzung des Neuen Testaments ins Tamilische ging in Druck – das erste vollständig gedruckte Neue Testament in einer indischen Sprache; Tamil wurde damit die erste Sprache Indiens, die im Buchdruck mit beweglichen Lettern gesetzt wurde.

gemeinfrei - 1738
Wesley besucht das Waisenhaus
Auf seiner Deutschlandreise besuchte Wesley persönlich Franckes Waisenhaus und hielt in seinem Tagebuch fest: „Jener erstaunliche Beweis, dass dem, der da glaubt, noch immer alle Dinge möglich sind.“ (übersetzt) Von diesem Faden aus entzündeten sich später der Methodismus und die große evangelikale Erweckung.

gemeinfrei - 1742
Mühlenberg geht nach Amerika
Der Waisenhauslehrer Mühlenberg überquerte den Ozean und erreichte Philadelphia; sechs Jahre später gründete er die erste lutherische Synode Nordamerikas und wird „Patriarch des amerikanischen Luthertums“ genannt. Halles Schulstube reicht bis zu den Kirchen der Neuen Welt.

gemeinfrei - 1825
Müllers Wiedergeburt in Halle
Georg Müller, Theologiestudent in Halle, tat in einer häuslichen Gebetsversammlung der Stadt Buße und wurde wiedergeboren; später versorgte er in Bristol allein im Vertrauen auf das Gebet, ohne je um Spenden zu bitten, über zehntausend Waisenkinder – und bekannte offen, dass sein Vorbild kein anderer war als der Hallesche Francke.

gemeinfrei - 1865
Die Ahnenreihe des Glaubens erreicht China
Hudson Taylor gründete die China-Inland-Mission, deren „Glaubensprinzip“ sich ausdrücklich an Müller orientierte; Müller wiederum war einer der wichtigsten Unterstützer der frühen Inland-Mission. Francke, Müller, Hudson Taylor – so floss die Ahnenreihe des Glaubens bis nach China.
- 1896
Der erste Lehrstuhl für Missionswissenschaft
Gustav Warneck übernahm den Lehrstuhl für Missionswissenschaft an der Universität Halle – den weltweit ersten protestantischen Lehrstuhl dieser Art; er gilt als „Vater der protestantischen Missionswissenschaft“. Hundertneunzig Jahre, nachdem die Mission von Halle aufgebrochen war, wurde sie hier zu einer eigenen Wissenschaft.
- 1937
Die Bekenntnissynode in Halle
Die vierte Reichsbekenntnissynode der Bekennenden Kirche kam zu ihrer zweiten Tagung in Halle zusammen und verabschiedete eine Erklärung zum Abendmahl; der Hallesche Generalsuperintendent wurde wegen seiner Predigten mit Predigtverbot belegt und mehrfach verhaftet. Unter Bedrängnis erhob die Kirche dennoch ihre Stimme zum Bekenntnis.
- 1989
Die Nacht des Friedensgebets
In der Nacht des 9. Oktober wurden das Friedensgebet in der Marktkirche und die Versammlung auf dem Marktplatz mit Schlagstöcken und Hunden geräumt, 41 Menschen wurden verhaftet; anders als in Leipzig in derselben Nacht zahlte Halle einen bitteren Preis. Einen Monat später fiel die Mauer.

Reimund Schmidt-De Caluwe · CC BY-SA 4.0 - heute
Wir in dieser Stadt
Eine Gruppe chinesischer Christen versammelt sich in dieser Stadt, liest dieselbe Bibel auf Chinesisch und betet denselben Gott an; die Geschichte von neunhundert Jahren ist nicht zu Ende, und jene offene Tür steht heute auch uns offen.

H.Helmlechner · CC BY-SA 4.0
Acht Vertiefungen
Über die Bildrolle hinaus laufen acht Erzählstränge: vom Sturm der Reformation bis zum Zeugnis unter Verfolgung.
Die andere Seite des Sturms
Die Ablassmaschinerie stand in Halle, von hier aus wurde die Lunte für die 95 Thesen entzündet; vierundzwanzig Jahre später wechselte die Stadt selbst das Bekenntnis.
Weiterlesen
Stadt der Frömmigkeit
Spener ebnete im Hintergrund den Weg, Francke führte die Bewegung auf ihren Höhepunkt: von vier Talern und sechzehn Groschen bis zur Schulstadt mit dreitausend Menschen.
Weiterlesen
Stadt des Buches und der Bibel
Von der Marienbibliothek bis zur Cansteinschen Bibelanstalt: Hier entstand die älteste Bibelgesellschaft der Welt, die Bibeln für die Armen erschwinglich machte.
Weiterlesen
Der Ausgangspunkt der Mission
Die erste organisierte protestantische Überseemission der Geschichte – Personal wie Theologie kamen aus Halle; fast hundertfünfzig Jahre lang zogen von da an Missionare in ununterbrochener Folge hinaus.
Weiterlesen
Von Halle nach China
Franckes Gebet, Müllers Wiedergeburt, Hudson Taylors Inland-Mission – eine Ahnenreihe des Glaubens, die auf Umwegen bis nach China floss.
Weiterlesen
Stadt der Kirchenmusik
Von Scheidt über Händel bis zu Bach, der die Orgel prüfte; das Glockenspiel des Roten Turms spielt bis heute zur vollen Stunde eine Melodie aus dem „Messias“.
Weiterlesen
Das Pendel der Theologie
Eine Universität pendelte zwischen Frömmigkeit und Vernunft hin und her; Schleiermacher, Tholuck und Aland – sie alle lehrten in Halle.
Weiterlesen
Zeugnis unter Verfolgung
Von der Bekenntnissynode 1937 bis zur Nacht des Friedensgebets 1989 – unter zwei Regimen hat die Kirche in Halle einen Preis bezahlt.
Weiterlesen
Personen und Orte
Kardinäle und Reformatoren, Organisten und Missionare, eine Bibliothek und ein Waisenhaus – neun Jahrhunderte an Namen und Orten, alle mit dieser Stadt verbunden.
- Luther und HalleMartin Luther1483–1546
- Albrecht von BrandenburgAlbrecht von Brandenburg1490–1545
- Justus JonasJustus Jonas1493–1555
- Marktkirche Unser Lieben FrauenMarktkirche Unser Lieben Frauen1554
- MarienbibliothekMarienbibliothek1552
- Philipp Jakob SpenerPhilipp Jakob Spener1635–1705
- August Hermann FranckeAugust Hermann Francke1663–1727
- Franckesche StiftungenFranckesche Stiftungen1698
- Carl Hildebrand von CansteinCarl Hildebrand von Canstein1667–1719
- FreylinghausenJohann Anastasius Freylinghausen1670–1739
- Bartholomäus ZiegenbalgBartholomäus Ziegenbalg1682–1719
- Christian Friedrich SchwartzChristian Friedrich Schwartz1726–1798
- Nikolaus Ludwig von ZinzendorfNikolaus Ludwig von Zinzendorf1700–1760
- John Wesley und HalleJohn Wesley1703–1791
- Heinrich Melchior MühlenbergHenry Melchior Muhlenberg1711–1787
- Georg MüllerGeorge Müller1805–1898
- Gustav WarneckGustav Warneck1834–1910
- Samuel ScheidtSamuel Scheidt1587–1654
- Händel und HalleGeorg Friedrich Händel1685–1759
- Die Bachs und HalleWilhelm Friedemann Bach1710–1784
- August TholuckAugust Tholuck1799–1877
- Schleiermacher und HalleFriedrich Schleiermacher1768–1834
- Kurt AlandKurt Aland1915–1994