Die Blutbahn der Erweckung
Von Halle nach China
„Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft … daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“– Jesaja 40,31
Die Kirchengeschichte kennt eine Blutbahn, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch das Gebet weitergegeben wird: August Hermann Francke (1663–1727) versorgte in Halle betend seine Waisen; über hundert Jahre später ging ein in dieser Stadt wiedergeborener verlorener Sohn nach Bristol, um es ihm gleichzutun; weitere dreißig Jahre danach zog dieser Glaube mit der China-Inland-Mission ins Innere Chinas. Der Ursprung dieser Blutbahn liegt in dieser Stadt.
Jugend in der Schulstadt
Die Geschichte beginnt mit einer Schule. Im Frühjahr 1695 fand Francke im Opferstock der Gemeinde vier Taler und sechzehn Groschen; damit gründete er eine Armenschule. Drei Jahre später wurde der Grundstein zum Waisenhaus gelegt. Er hatte kein Geld, war aber gewiss, dass Gott das Gebet erhört – und tatsächlich strömten die Spenden von überallher herbei. Als er 1727 starb, zählte diese „Schulstadt“ bereits über zweitausend Schüler.
Von 1710 bis 1716 besuchte der junge Zinzendorf hier das adlige Pädagogium; während dieser Zeit schloss er mit Mitschülern den „Senfkornorden“. Später gründete er die Herrnhuter Brüdergemeine. Ein Senfkorn wurde auf einer Schulbank in Halle gesät.
Wesleys Besuch
1738 kam John Wesley auf seiner Deutschlandreise nach Halle, betrat dieses Waisenhaus und bat darum, Franckes Sohn zu sehen. In sein Tagebuch schrieb er: „… endlich wurde mir der Zutritt zu jenem Waisenhaus gewährt – jener erstaunliche Beweis, dass dem, der da glaubt, noch immer alle Dinge möglich sind.“ (übersetzt)
Von Halle zu Zinzendorf und den Herrnhutern, weiter zu Wesley, zum Methodismus und zur großen evangelikalen Erweckung – diese Linie zeichnet die Kirchengeschichte klar nach.

Gepflanzt über See
Die Blutbahn floss auch nach Westen. Heinrich Melchior Mühlenberg war zunächst Lehrer am Waisenhaus in Halle; 1741 bewarb er sich auf nachdrückliches Drängen von Franckes Sohn und erreichte im folgenden Jahr Philadelphia. 1748 berief er die erste lutherische Synode Nordamerikas ein; die Nachwelt nennt ihn den „Patriarchen des amerikanischen Luthertums“. Sein Wahlspruch war ein lateinischer: Ecclesia plantanda – die Kirche soll gepflanzt werden.
Wiedergeburt eines verlorenen Sohnes
Mitte November 1825 saß bei einer Gebetsversammlung an einem Samstagabend im Haus des Hallenser Kaufmanns Wagner ein Theologiestudent namens Georg Müller (1805–1898). Dieser preußische verlorene Sohn schrieb später selbst: „Bis Anfang November 1825 hatte ich nie eine Predigt des Evangeliums gehört.“ (übersetzt) In jener Versammlung kehrte er um und wurde wiedergeboren.
Etwa zwei Monate lang wohnte er unentgeltlich in einem Zimmer, das das Waisenhaus für arme Theologiestudenten bereithielt. 1835 las er die Lebensbeschreibung Franckes und wurde tief bewegt. Vom folgenden Jahr an führte er im englischen Bristol ein Waisenhaus – allein im Vertrauen auf das Gebet, ohne je um Geld zu bitten; sein Leben lang versorgte er über zehntausend Waisen und bekannte öffentlich, dass er sich dabei gerade Francke zum Vorbild nahm.
Der Glaube gelangt nach China
1865 gründete Hudson Taylor die China-Inland-Mission, und das Evangelium drang von da an tief ins Innere Chinas vor. Sein „Glaubensprinzip“ – kein Spendenaufruf, allein im Gebet auf Gottes Versorgung vertrauend – folgte ausdrücklich dem Vorbild Müllers; und Müller war gerade in der Frühzeit der China-Inland-Mission einer ihrer wichtigsten Unterstützer, ein lebendiges Vorbild dieses Prinzips.
Damit schließt sich die Kette: Francke führte in Halle betend ein Waisenhaus; Müller wurde in Halle wiedergeboren und eiferte Francke nach; Hudson Taylor eiferte Müller nach und trug den Glauben ins Innere Chinas. Karl Gützlaff, den man den „Großvater der China-Inland-Mission“ genannt hat, ging aus einer Berliner Missionsschule hervor – der Berliner Pietismus geht auf Halle zurück, doch Gützlaff war kein Hallenser – ein Seitenzweig dieser Linie.
Dreihundert Jahre Verbundenheit
Blättern wir im Kalender noch weiter zurück. 1697 gab Leibniz die „Novissima Sinica“ heraus und rief im Vorwort die Protestanten zur Mission in China auf; er schickte das Buch an Francke, um dessen Meinung zu hören, und von da an standen die beiden bis 1716 in Briefwechsel. In der Kunst- und Naturalienkammer des Waisenhauses findet sich bis heute ein kleiner chinesischer Schuh. Halles Anteilnahme an China begann vor mehr als dreihundert Jahren.
Halle hat nie unmittelbar einen Missionar nach China ausgesandt; diese Zuwendung blieb stets Anteilnahme, keine Aussendung. Doch jene im Gebet weitergegebene Blutbahn ging für die Stadt den Weg zu Ende, den sie selbst nicht ging – über Bristol, hinein ins Innere Chinas. Dreihundert Jahre später kam eine Schar chinesischer Christen nach Halle und betet in dieser Stadt auf Chinesisch denselben Gott an.
Personen dieser Linie
Quellen
- Leben August Hermann Franckes (Franckesche Stiftungen)
- John Wesleys Tagebuch, Volltext (CCEL)
- Mühlenberg-Zentrum (Universität Halle)
- Georg Müller (englische Wikipedia)
- Hudson Taylor und die China-Inland-Mission (Christian History Institute)
- Leibniz und die „Novissima Sinica“ (China Channel, LA Review of Books)