Die Reformation: Das andere Ende des Sturms
Die Ablassmaschinerie stand in Halle; vierundzwanzig Jahre später erklang auch die Karfreitagspredigt in Halle
Jeder erinnert sich an Wittenberg 1517, doch kaum jemand fragt, wo das Pulver lag, das die 95 Thesen entzündete. Die Antwort ist Halle. Die Ablassmaschinerie stand in dieser Stadt, und die Register des Heiltums verzeichneten über 39 Millionen Ablassjahre. Das andere Ende des Sturms ist eben die Stadt, in der wir heute leben.
Stadt der Klöster
Vor der Reformation war Halle zunächst eine Stadt der Klöster. 1116 gründete der Erzbischof von Magdeburg das Kloster Neuwerk, an dem die Augustiner-Chorherren eine Schule unterhielten – das geistliche Zentrum der mittelalterlichen Stadt; die Salzwirker hüteten ihre eigene Moritzkirche; 1271 begannen die Dominikaner den Bau des späteren Doms. Eine in Stein gemauerte Frömmigkeit, die still einem Sturm entgegenharrte.
Die Rechnungsbücher des Kardinals
Um 1514 bezog Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490–1545) die Moritzburg in Halle. Um zusätzlich das Erzbistum Mainz zu erlangen, verschuldete er sich bei den Fuggern mit mehreren zehntausend Gulden; 1515 regelte eine päpstliche Bulle die Aufteilung der Ablasseinnahmen – eine Hälfte für den Bau des Petersdoms in Rom, die andere zur Tilgung seiner Schulden. Im Januar 1517 wurde Tetzel zum Generalkommissar des Ablasses bestellt; im Oktober desselben Jahres gelangte jene Ablassinstruktion in Martin Luthers Hände und löste unmittelbar die 95 Thesen aus.
Das eigentliche Kapital des Kardinals verbarg sich im Innersten seiner Stiftskirche – das Hallesche Heiltum. Das 1520 gedruckte Heiltumsbuch verzeichnet 42 vollständige Heiligenleiber, 8.133 Reliquienpartikel und 353 kostbare Reliquiare; die Ablassjahre waren auf den Tag genau festgehalten: insgesamt 39.245.120 Jahre und 220 Tage. Die Reliquiensammlung des Wittenberger Kurfürsten kam zur selben Zeit auf etwa 1,9 Millionen Jahre – Halle war das Zwanzigfache. Dieses „Reliquien-Wettrüsten“ der beiden Städte bildete den Hintergrund des Sturms von 1517.

Die Streitschrift von der Wartburg
Im Oktober 1521 verfasste der auf der Wartburg versteckte Luther die Streitschrift „Wider den Abgott zu Halle“. Spalatin hielt das Manuskript im Auftrag des sächsischen Kurfürsten zurück; daraufhin schrieb Luther am 1. Dezember unmittelbar an Albrecht und forderte ihn auf, binnen vierzehn Tagen den „Götzendienst zu Halle“ einzustellen, andernfalls werde er die Schrift veröffentlichen. Am 21. Dezember lenkte der Kardinal in einem kleinlauten Antwortschreiben ein. Die Streitschrift blieb zu Luthers Lebzeiten ungedruckt; das Manuskript liegt heute in Oxford – dem Halleschen Heiltum war nur noch wenig Zeit beschieden.
Karfreitag
Am 21. Februar 1541 wurde Albrecht vertrieben, der siebenundzwanzig Jahre in Halle residiert hatte; gezwungen, das Neue Stift aufzulösen, zog er sich mit dem Heiltum und seiner Cranach-Gemäldesammlung nach Aschaffenburg zurück und verließ die Stadt für immer. Am 15. April desselben Jahres, am Karfreitag, hielt der aus Wittenberg gekommene Justus Jonas in der Marktkirche die erste evangelische Predigt Halles; am 28. April wurde das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert. 1543 wurde die Hallesche Kirchenordnung erlassen; am 3. November 1544 berief der Rat der Stadt Jonas offiziell in das geistliche Amt. Die Reformation in Halle begann mit einer Karfreitagspredigt.
Die Saale hält ihren Gast
Dreimal in seinem Leben bestieg Luther die Kanzel der Marktkirche: einmal am 5. August 1545 und zweimal im Januar 1546. Das letzte Mal geschah unerwartet: Im Januar jenes Jahres reiste er nach Eisleben, um einen Streit zu schlichten; unterwegs schwoll die Saale durch die Eisschmelze an und versperrte ihm den Weg. Er blieb in Halle, wohnte im Haus seines engen Freundes Jonas und predigte kurzerhand an Ort und Stelle. Was ihn auf die Hallesche Kanzel brachte, war eben die Saale, die durch diese Stadt fließt.
Am 18. Februar 1546 starb Luther in Eisleben. Sein Leichnam wurde zur Bestattung nach Wittenberg überführt und kam dabei durch Halle: Am Abend des 20. Februar erreichte der Zug die Stadt, in derselben Nacht wurde der Sarg in der alten Sakristei der Marktkirche aufgebahrt, zwei Tage später wurde er in Wittenberg beigesetzt. Der Überlieferung nach nahm ein Hallescher Maler am Sterbebett Wachsabformungen seines Gesichts und seiner Hände ab – sie werden bis heute in dieser Kirche aufbewahrt.
Die Wende der Kirche
Die Marktkirche selbst ist der stillste Zeuge jenes Sturms. Im Mai 1529 beschloss die Stadt, zwei alte Kirchen zusammenzulegen – die St.-Gertrud-Kirche der Salzwirkerzunft und die St.-Marien-Kirche der Kaufmannszunft: Die beiden Turmpaare blieben erhalten, dazwischen erhob sich ein neues Kirchenschiff. Das Bauwerk ging auf Albrecht zurück und sollte ursprünglich die Reformation eindämmen; auf halbem Wege, 1541, wechselte Halle das Bekenntnis, und als der Bau 1554 vollendet war, war er längst eine evangelische Kirche. Errichtet, um diesem Wort zu wehren, diente sie bei ihrer Vollendung eben seiner Verkündigung. Heute betet eine Gemeinschaft chinesischer Christen in dieser Stadt auf Chinesisch denselben Gott an; auch am anderen Ende des Sturms stehen wir.
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