Stadt der Frömmigkeit
Von vier Talern und sechzehn Groschen zu einer aus Gebet erwachsenen Schulstadt
„Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“– Jesaja 40,31
Der Pietismus war keine neue Lehre, sondern eine Antwort auf die „tote Lehre“: Wo vom Glauben nur noch Formeln blieben, musste jemand fragen, wo denn das Leben sei. Diese Bewegung nahm ihren Anfang in häuslichen Zusammenkünften in Frankfurt und erreichte in Halle ihren Höhepunkt – eine aus Gebet errichtete Schulstadt, die ihr Licht bis nach Indien und Nordamerika sandte.
Die tote Lehre
Nachdem die Reformation gefestigt war, erstarrte das Luthertum zusehends in Formen und füllte sich mit „toter Lehre“: An der Lehre war nichts auszusetzen, doch das Leben fehlte. Jakob Böhmes Frage sprach vielen aus dem Herzen: „Was hilft es, dass jemand die Schrift liest, wenn er den Geist nicht kennt, der die Schrift eingegeben hat?“ Johann Arndt schrieb „Wahres Christentum“ – ein Buch, das später das geistliche Leben eines Pfarrers erneuern sollte.
Collegia pietatis
Philipp Spener (1635–1705) las Arndts Buch, und sein geistliches Leben wurde erneuert. 1666 wurde er Senior der Frankfurter Geistlichkeit und versammelte die Suchenden in seinem Haus – die „collegia pietatis“, eine kleine Kirche in der Kirche; 1675 erschien in Frankfurt „Pia Desideria“. Danach wirkte er in Dresden und Berlin; als 1694 die Universität Halle gegründet wurde, lag ihre theologische Fakultät von Anfang an in den Händen der Pietisten – was Spener hinter den Kulissen des Berliner Hofes betrieben hatte; und er empfahl persönlich einen jungen Mann für diese Stadt.

Eine Wiedergeburt
Dieser junge Mann hieß August Hermann Francke (1663–1727). 1687, mit 24 Jahren, erlebte er in Lüneburg seine Wiedergeburt, als er über Johannes 20,31 eine Predigt vorbereitete; damals war er ein junger Dozent an der Universität Leipzig. Wegen seiner pietistischen Predigt wurde er danach zweimal verdrängt – in Leipzig und in Erfurt. Im Januar 1692 trat er sein Amt in Halle an: zunächst als Professor für Griechisch und orientalische Sprachen, ein Lehrstuhl ohne Besoldung, und bestritt seinen Lebensunterhalt als Pfarrer in Glaucha. In dieser Stadt wirkte er bis zu seinem Tod 1727 – volle fünfunddreißig Jahre.
Vier Taler
Im Frühjahr 1695 fand Francke im Opferstock seiner Gemeinde 4 Taler und 16 Groschen und gründete mit diesem Geld eine Armenschule. Am 18. September 1698 wurde der Grundstein des Waisenhausgebäudes gelegt, samt kurfürstlichem Privileg. Er hatte kein Geld, glaubte aber fest, dass Gott Gebet erhört – und tatsächlich strömten Spenden von überall herbei. Das wenige Kleingeld aus dem Opferstock wuchs später zu einer ganzen Stadt heran; und das Gebet war von Anfang bis Ende der Schlüssel dieser Geschichte.
Die Stadt unter dem Adlerwappen
Am Giebel des Hauptgebäudes des Waisenhauses erheben sich zwei Adler mit ausgebreiteten Flügeln der Sonne entgegen, auf einem Spruchband die Verheißung aus Jesaja 40,31 – das Bildmotiv hatte Francke selbst gewählt; die Devise der Anstalt stimmt darin ein: „Illo splendente levabor“ – wenn jene Sonne scheint, werde ich emporgehoben. Von 1713 bis 1716 entstand das etwa 115 Meter lange, sechsgeschossige „Lange Haus“, das größte Fachwerkgebäude Europas, in dem ausschließlich Schüler wohnten.
Als Francke 1727 starb, zählte diese „Schulstadt“ über 2.200 Schüler und 175 Lehrer, insgesamt rund 3.000 Menschen. Francke gründete das erste Lehrerseminar Deutschlands; sein Modell trug zum preußischen Schuledikt von 1717 bei und beeinflusste das Generallandschulreglement von 1763 – in der Ahnenreihe der deutschen Schulpflicht steht auch dieses Waisenhaus.
Eine ehrliche Bilanz
Nach dem gängigen Urteil der Kirchengeschichte trennte sich der Pietismus nicht von der lutherischen Kirche: Er erweckte die erkaltete Kirche neu und prägte auch Zinzendorf und die Brüder Wesley; doch er selbst verfiel in die Übertreibung strenger Askese und harter Selbstverleugnung, geriet mitunter ins Rigorose und Kleinliche und ebnete, weil er die Lehre unterschätzte, der späteren liberalen Theologie den Weg. 1723 drängten pietistische Theologen den preußischen König, den Philosophen Christian Wolff binnen 48 Stunden des Landes zu verweisen – Auslöser war ausgerechnet eine Rede von 1721, in der er die vernunftgemäße Sittlichkeit des Konfuzius und der Chinesen gepriesen hatte. 1727 starb Francke – und das war zugleich der Höhepunkt des Pietismus.
Die theologische Fakultät der Universität Halle war seinerzeit die größte Deutschlands; etwa sechstausend kirchliche Mitarbeiter wurden hier ausgebildet, und der erste Lichtstrahl der modernen Missionsbewegung ging von dieser Stadt aus. Die Höfe des Waisenhauses bestehen bis heute, und die Adler am Giebel wenden sich noch immer der Sonne zu. Dreihundert Jahre später lernt eine Gemeinschaft chinesischer Christen in derselben Stadt das Beten – und glaubt an eben den Gott, der Gebet erhört.
Personen dieser Linie
Quellen
- August Hermann Francke (englische Wikipedia)
- Das Leben August Hermann Franckes (Website der Franckeschen Stiftungen)
- Geschichte der Stiftungen (Website der Franckeschen Stiftungen)
- Das Adlerportal (Architekturrundgang der Franckeschen Stiftungen)
- Philipp Spener (englische Wikipedia)
- Der Fall Wolff (Stanford Encyclopedia of Philosophy)