Halle & der GlaubeInstitution1698
Franckesche Stiftungen
die aus vier Talern erwachsene „Schulstadt“, das Herz des Halleschen Pietismus
Mitten in Halle steht eine zweite Stadt. 1695 gründete Francke mit vier Talern und sechzehn Groschen aus dem Opferstock eine Armenschule; 1698 wurde das Waisenhaus gegründet. Auf dem Giebel steigen zwei Adler zur Sonne empor, und das Band trägt jene Verheißung: „daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler“.
Die Gründung
Die Franckeschen Stiftungen (Franckesche Stiftungen) wurden von Francke (August Hermann Francke, 1663–1727) gegründet. Im Frühjahr 1695 gründete er mit vier Talern und sechzehn Groschen aus dem Opferstock der Gemeinde eine Armenschule; am 18. September 1698 wurde das Waisenhaus gegründet und erhielt ein kurfürstliches Privileg. Das Emblem auf dem Giebel des Hauptgebäudes wählte er selbst: Zwei Adler steigen zur Sonne empor, und das Band trägt Jesaja 40,31 – „Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft … daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler“.
Die Schulstadt
Dieser Gebäudekomplex wuchs und wuchs. Das 1713–1716 errichtete „Lange Haus“, rund 115 m lang und sechs Geschosse hoch, ist der größte Fachwerkbau Europas und diente als Schülerinternat. Die Medikamentenexpedition stellte Arzneien in großem Maßstab her, ihr Vertriebsnetz reichte bis an den Wiener und den russischen Hof, und jeder Sendung lag ein Beipackzettel zur Selbstmedikation bei – die erste international tätige Versandapotheke Deutschlands. Francke gründete zudem das erste Lehrerseminar Deutschlands, dessen Schulmodell zum preußischen Edikt über die Schulpflicht von 1717 beitrug. Als er 1727 starb, zählte die Schule über 2.200 Schüler, 175 Lehrer und 8 Inspektoren, die ganze „Schulstadt“ etwa 3.000 Menschen.
Bruch und Fortdauer
1946 wurde die Stiftung in der sowjetischen Besatzungszone aufgelöst; 1991/92 wurde sie als Stiftung öffentlichen Rechts wiedererrichtet, 1995 das historische Waisenhaus restauriert. Heute lernen, arbeiten und leben etwa 4.000 Menschen in diesem Komplex: drei Kindergärten, vier Schulen, das Cansteinsche Bibelzentrum, die historische Bibliothek mit 50.000 alten Bänden und dazu das älteste erhaltene barocke Museum Deutschlands – eine Kunst- und Naturalienkammer mit etwa 3.000 Objekten. Die Stiftung hatte sich um den Welterbetitel beworben, zog den Antrag im Januar 2016 zurück, steht aber bis heute auf der deutschen Tentativliste und strebt eine erneute Bewerbung an.
Dieselbe Stadt
Ein aus Gebet erwachsenes Waisenhaus bewegte später die Missionslandkarte von Indien bis Nordamerika: Die erste organisierte protestantische Überseemission der Geschichte – ihre Männer und ihre Theologie kamen aus Halle; die erste protestantische Missionszeitschrift der Geschichte, die Halleschen Berichte, wurde im Waisenhaus gesetzt und gedruckt. Wer heute die Stiftungen betritt, sieht die beiden Adler noch auf dem Giebel. Unsere chinesische Gemeinschaft wohnt in derselben Stadt; und jene über dem Portal eingemeißelte Verheißung hat in dreihundert Jahren ihr Wort nicht geändert – für die, die auf den HERRN harren, gilt sie noch heute.
„Illo splendente levabor – Wenn jene Sonne leuchtet, werde ich emporgehoben werden.“
– Inschrift des Wappens der Franckeschen Stiftungen
Quellen