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Halle (Saale)
哈勒华人基督团契Chinesisch Christliche Gemeinde Halle

Halle & der Glaube

Das Pendel der Theologie

Dreihundert Jahre Universität Halle: Pietismus, Vernunft und die Rückkehr zum Evangelium

„Was hilft es, dass jemand die Schrift liest, wenn er den Geist nicht kennt, der die Schrift eingegeben hat?“– Jakob Böhme (sinngemäß)

Die 1694 eröffnete Universität Halle war einst eine Hochburg des Pietismus, ihre Theologische Fakultät zeitweise die bedeutendste Deutschlands; später wandte sie sich der rationalen Kritik zu und prägte eine ganze Epoche; und noch später brachte sie jemand in fünfzig Jahren wieder zum evangeliumsgemäßen Glauben zurück. Durch den Pendelschlag von dreihundert Jahren hindurch hält die Wahrheit stand – sie fragt nicht nach der Windrichtung der Gelehrsamkeit.

Der pietistische Anfang

Am 11. Juli 1694 gründete Kurfürst Friedrich III. die Universität Halle. Philipp Jakob Spener (1635–1705) hatte hinter den Kulissen am Berliner Hof dafür gewirkt, und der Pietismus beherrschte die Theologische Fakultät von Anfang an: Breithaupt wurde im Oktober 1691 zum ersten Theologieprofessor bestellt, und August Hermann Francke (1663–1727) wurde auf Speners Empfehlung berufen – zusammen mit Paul Anton gelten sie als die drei Säulen des Halleschen Pietismus.

Im 18. Jahrhundert zählte die Universität Halle neben Göttingen zu den einflussreichsten Deutschlands; ihre Theologische Fakultät war die größte theologische Fakultät im damaligen Deutschland – rund 6.000 kirchliche Mitarbeiter wurden hier ausgebildet, und mindestens 60 Studenten brachen von hier zur Mission in Übersee auf.

Die Vertreibung des Philosophen

Auch der pietistische Eifer hatte seine Schneide. 1723 setzten die pietistischen Theologen unter Führung Joachim Langes den preußischen König so unter Druck, dass dieser dem Philosophen Christian Wolff befahl, binnen 48 Stunden das Land zu verlassen – Auslöser war eine Rede Wolffs von 1721, die Konfuzius und die vernunftgemäße Sittlichkeit der Chinesen hoch gerühmt hatte. 1740 bestieg Friedrich der Große den Thron, und zu seinen ersten Maßnahmen gehörte es, Wolff nach Halle zurückzurufen. Das Pendel hatte sich schon leise in Bewegung gesetzt.

Außenansicht des Löwengebäudes der Universität Halle
Löwengebäude der Universität Halle · Heinrich Stürzl · CC BY-SA 4.0

Der Einzug der Vernunft

Wo das Pendel wirklich ausschlug, das war im Innern der Wissenschaft selbst. Baumgarten führte Wolffs Philosophie in die Theologie ein; der ihm folgende Semler (1725–1791) wird der „Vater des deutschen Rationalismus“ genannt und war einer der Begründer der historisch-kritischen Bibelwissenschaft – und diese Denkrichtung ging ausgerechnet aus einer Hochburg des Pietismus hervor. Die gängige kirchengeschichtliche Einschätzung lautet: Weil der Pietismus die Lehre unterschätzte, ebnete er gerade der späteren liberalen Theologie den Weg. Eine Paradoxie, die auf den Pietismus selbst zurückfällt.

Von 1804 bis 1807 lehrte Schleiermacher drei Jahre in Halle – die Nachwelt nennt ihn den Vater der modernen protestantischen Theologie; als der Krieg die Universität schließen ließ, ging er nach Berlin.

Der Rückschwung von fünfzig Jahren

Wer die Theologische Fakultät zum evangeliumsgemäßen Glauben zurückführte, war Tholuck. 1826 kam er nach Halle und lehrte über fünfzig Jahre, bis 1877. Er war ein Bannerträger der Erweckungsbewegung und wurde „Vater der Studenten“ genannt; 1827 studierte Charles Hodge aus Princeton eine Zeit lang in Halle und wurde sein enger Freund. Halles Theologie kehrte noch einmal zum Evangelium zurück.

Eine Reihe von Namen

Im 19. und 20. Jahrhundert reihten sich auf Halles Kathedern Namen, die bis heute nachklingen: Gesenius lehrte hier von 1810 bis 1842, und sein hebräisches Wörterbuch ist bis heute maßgeblich; Kähler wirkte fünfundvierzig Jahre in Halle und schrieb 1892 „Der sogenannte historische Jesus“, der den späteren Tillich prägte; Gunkel, ein Begründer der Formgeschichte, lehrte hier von 1920 bis 1927 und starb 1932 in Halle; Loofs las von 1888 bis 1926 Kirchengeschichte. Und danach kam Kurt Aland: von 1947 bis 1958 in Halle, Hauptherausgeber des griechischen Neuen Testaments von Nestle-Aland; weil er sich dem DDR-Regime widersetzte, wurde er 1958 seines Amtes enthoben und floh daraufhin nach West-Berlin. Das Pendel schlägt weiter, und auch das Zeugnis bleibt.

Zwei Städte, ein Name

Am 12. April 1817 wurde die Universität Halle mit der Universität Wittenberg vereinigt; seit 1933 trägt sie den Namen Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – seither steht der Name Martin Luthers im Namen der Hallenser Universität. Heute ist die Theologische Fakultät der Universität noch immer lebendig, und in den Franckeschen Stiftungen besteht ein Zentrum für Pietismusforschung. Blickt man auf diese dreihundert Jahre zurück – vom Pietismus zur Vernunft und wieder zurück zum Evangelium –, so bezeugt der Pendelschlag einer Universität gerade dies: Die Wahrheit hält nicht dank der Gelehrsamkeit stand, und die Windrichtung der Katheder entscheidet nicht über das Werk Gottes. Und es gibt noch einen weiteren Kreisschluss: 1723 vertrieb Halle wegen einer Rede, die die Chinesen rühmte, einen Philosophen; dreihundert Jahre später betet in derselben Stadt eine Schar chinesischer Christen auf Chinesisch an. Die Tür steht seit jeher offen.

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Quellen