Der Ausgangspunkt der Mission
Ein Ruf, auf den sich niemand meldete, und sein Nachhall über fast zweihundert Jahre
Der erste Lichtstrahl der modernen Missionsbewegung ging von Halle aus. 1705 fand der Missionsruf des dänischen Königs im eigenen Land keine Bewerber und gelangte auf Umwegen nach Halle; am 9. Juli des folgenden Jahres betraten zwei junge Männer die Küste Indiens. Die erste organisierte protestantische Überseemission der Geschichte – ihre Gesandten wie ihre Theologie kamen aus dieser Stadt.
Niemand meldet sich
1705 beschloss der dänische König Friedrich IV., Missionare nach Indien zu entsenden. Der Ruf erging – doch im eigenen Land meldete sich niemand; die Gesandten wurden schließlich aus dem Kreis um August Hermann Francke (1663–1727) ausgewählt: Ziegenbalg und Plütschau; die Männer wie die Theologie kamen aus Halle. Am 29. November 1705 stachen sie in See, und am 9. Juli 1706 betraten sie das indische Tranquebar.
Dies war die erste organisierte protestantische Überseemission der Geschichte, eigens zur Aussendung bestimmt: Zuvor hatte es nur Feldprediger und vereinzelte Vorläufer gegeben; die planmäßige Auswahl, Aussendung und Fortführung begann mit diesem einen Mal.
Bibelübersetzung und Lettern
Fünf Jahre nach seiner Ankunft, 1711, vollendete Ziegenbalg die Übersetzung des tamilischen Neuen Testaments. 1712/13 errichtete die Mission die erste protestantische Druckerpresse Indiens, und Tamil wurde die erste Sprache Indiens, die mit beweglichen Lettern gedruckt wurde; 1714 erschienen zunächst die Evangelien, 1715 das gesamte Neue Testament – das erste vollständig gedruckte Neue Testament in einer indischen Sprache. 1733 wurde mit Aaron der erste einheimische lutherische Pfarrer Indiens ordiniert: Das Evangelium begann, die Sprache der Einheimischen zu sprechen, und begann auch, von Einheimischen verkündigt zu werden.

Mission auf Papier
All dies blieb nicht in der Ferne. Ab 1710 gab Francke im Halleschen Waisenhaus die „Halleschen Berichte“ heraus – die erste protestantische Missionszeitschrift der Geschichte. Fortan gingen die Nachrichten der Mission regelmäßig in Druck, und die Leser in Europa konnten zum ersten Mal regelmäßig vom wahren Geschehen der Überseemission lesen.
Die Nachfolgenden
Auch Menschen traten in immer neuen Scharen nach. Im 18. Jahrhundert gingen mindestens 60 Studenten der Universität Halle in die Überseemission; der berühmteste unter ihnen, Christian Friedrich Schwartz, erreichte 1750 Indien und wirkte dort 48 Jahre lang bis zu seinem Tod als Missionar (1750–1798) – der angesehenste Missionar Indiens im 18. Jahrhundert.
Bewegung und Wissenschaft
1793 erreichte William Carey Indien; die moderne Missionsbewegung rechnet man gewöhnlich von ihm an – doch der Präzedenzfall, den er in seiner „Enquiry“ anführte, war eben die Dänisch-Hallesche Mission. Dass er mit seinen Gefährten in Serampore Fuß fassen konnte, verdankte er dem Schutz eines dänischen Gouverneurs, der seinerseits stark von Schwartz geprägt war. Halle war die erste Welle, Carey die zweite, die sich auf ihre Schultern stellte.
Rund hundert Jahre später, 1896, wurde Gustav Warneck (1834–1910) Professor für Missionswissenschaft an der Universität Halle – der erste Lehrstuhl für protestantische Missionswissenschaft der Welt; deshalb nennt man ihn den „Vater der protestantischen Missionswissenschaft“. Die Mission war von Halle ausgegangen, und hundertneunzig Jahre später wurde sie in Halle zu einer Wissenschaft.
Die Tür steht noch offen
Was hat der Ausgangspunkt der Mission mit einer chinesischen Gemeinschaft in dieser Stadt heute zu tun? Halle hat nie unmittelbar Missionare nach China entsandt; doch eine Linie führt wahrhaftig bis zu uns. Der in Halle wiedergeborene Theologiestudent Georg Müller (1805–1898) wurde durch die Lektüre von Franckes Lebensbeschreibung tief bewegt und gründete in Bristol im Vertrauen auf das Gebet ein Waisenhaus; Hudson Taylor, der 1865 die China-Inland-Mission gründete, nahm sich Müller im Glaubensprinzip zum Vorbild – und das Evangelium drang tief ins Innere Chinas.
Jenes von Halle ausgegangene Licht umkreiste den halben Erdball und fiel auch in unsere eigene Herkunft. Heute leben wir in dieser Stadt des Ursprungs und beten auf Chinesisch den Gott an, der Menschen aussendet; und die Tür steht noch offen – „Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen.“ (Offenbarung 3,7–8)
Personen dieser Linie
Quellen